ANIMALS - THEN AND NOW
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Jan Kiefer, 2024
Fragen: Melissa Absarah Torres

Erlebst du eine Art „Was sind das für Zeiten?“ Zeitgeist?


Ja klar. Ich frage mich zwar, ob man das nicht über jede Zeit denkt. Aber seit 2020 ist wirklich was los. Ich habe meine Jugend in den 90ern verbracht und bin sehr froh darüber. Die 90er fand ich sehr spannend und sie haben mich politisch und kulturell stark geprägt. Da es um meine Ausstellung geht will ich die Frage allerdings aus Sicht meiner Künstlertätigkeit beantworten. Natürlich haben die täglichen Nachrichten Einfluss darauf, wie ich Kunst machen will. Das meine ich weniger auf den jeweiligen Inhalt oder die Form meiner Ausstellungen oder Kunstwerke bezogen, sondern sehr viel genereller meine gesamte Praxis betreffend. Das hat zum Teil sicher auch mit meinem fortschreitenden Alter zu tun…, wie auch immer, ich denke nicht, dass Kunst-Kunst das richtige Werkzeug ist, um tatsächlich politisch Einfluss nehmen zu können, dazu ist das Publikum viel zu klein, zu wenig divers und zu genau definiert. Die Reichweite von Institutionen und Galerien ist tatsächlich sehr beschränkt. Nicht, dass ich glaube zwingend politisch Einfluss nehmen zu müssen oder auch zu können, aber meine Kommentare einer grösseren Zielgruppe antun zu können, finde ich auf jeden Fall spannend und erstrebenswert. Bevor ich in Basel Kunst studiert habe, war ich extrem vielseitig interessiert, habe Bilder gemacht, Poster und Plattencover gestaltet, Musik gemacht, gesammelt und gehört, etc. Das Navigieren in der, mir zugänglichen Kunstwelt hat aus verschiedenen Gründen dazu geführt, dass ich anfing mich stark zu limitieren, in dem was ich produziere und konsumiere. Das ändere ich seit einiger Zeit und ich freue mich darauf, wieder Zeit für Dinge zu investieren, die ich vernachlässigt habe, zumal sehr Vieles kreiert wird, das ich persönlich spannender finde als so Manches, das ich derzeit in Kunstinstitutionen sehe. 


Woher kommt dein Wunsch, Bilder zu schaffen? Erfüllt es einen Zweck?

Um mit Selbstkritik zu beginnen Folgendes: Ich finde es hat etwas Narzisstisches zu produzieren und dann nach Möglichkeiten zu suchen die Produktion zu zeigen in der Hoffnung, dass möglichst viele Menschen sie bestaunen; kann ich mich aber auch nicht völlig von frei machen. Ich habe zu Allem eine Meinung, ein grosses Mitteilungsbedürfnis und Freude am Gestalten; also mache ich Bilder. Ich wollte eigentlich Musik machen, bin aber leider zu untalentiert, um das halbwegs professionell zu machen. Aber ich halte Musik für das deutlich vielseitigere, interessantere Kommunikationsmittel. Mag etwas konservativ klingen, aber Kunst (und ich habe mir wirklich viel angesehen) hat mich niemals so berührt wie Musik. Aber ich bilde mir zu Allem, was ich wahrnehme, eine Meinung und ich kommuniziere gerne. Bilder zu machen erlaubt mir, zu kommentieren und mich mitzuteilen. 

Ah… jetzt wo ich über die Frage nachdenke, fällt mir auf, dass ich sie möglicherweise falsch verstanden habe und zu allgemein lese. Ist eher gemeint, warum ich von allen möglichen künstlerischen Medien das Bilder machen ausgesucht habe? Ich mache auch Objekte und habe viele Ausstellungen gemacht, die in ihrer Gesamtheit ein Werk sind. Dass ich mich wieder hauptsächlich auf Bildproduktion und Malerei fokussiere, hat verschiedene Ursachen, auch rationale. Ich habe mal Grafik studiert und die Kombination aus Bild, Text und Ornament im Zweidimensionalen liegt mir. Malerei als Medium ist historisch, wurde in alle möglichen Richtungen entwickelt, erforscht und beschrieben. Das erlaubt der Maler_in sich aus dem vordefinierten Vokabular zu bedienen und mit Referenzen und Zitaten zu arbeiten. Ich mag dieses Vorgehen und ökonomisch ist es auch.



Wie entscheidest du, dass ein Bild fertig ist?


Ich bin kein prozessorientierter Künstler / Maler. Ich habe meist eine klare Idee, bevor ich zu malen beginne. Für viele Bilder gibt es einen genauen Entwurf, der Komposition und Farbpalette bereits definiert. An diesen halte ich mich relativ genau. Während des Malens werden vor allem Duktus und Oberfläche wichtig. Wenn ich damit zufrieden bin, höre ich auf. Prozess orientiertes Arbeiten und Experimentieren heisst meiner Meinung nach Dinge dem Zufall zu überlassen, und daran glaube ich nicht bzw. es interessiert mich nicht wirklich.


Glaubst du, dass du eine von deinem Kunstwerk getrennte Instanz bist und das Werk rein objektiv ist?

Ich habe das anfangs mal teilweise angestrebt; das ist vielleicht eine Konsequenz meines Grafikstudiums. In den letzten Jahren entwickelte sich meine Arbeit in die andere Richtung. Ich glaube immer noch, dass bestimmte formale Entscheidungen objektiv getroffen werden sollten - alles andere wäre nicht professionell und unreflektiert. Eine zentrale Eigenschaft guter Kunst ist allerdings Authentizität. Das legt ja nahe, dass Werk und Autor verbunden sind. Für Künstler_innen ist das, meines Empfindens eine der grössten Herausforderungen, Glaubwürdigkeit zu entwickeln und zu vermitteln. Da in den meisten Fällen nicht Künstler_innen entscheiden, ob ihr Werk gezeigt wird, sondern andere Instanzen diese Macht haben, ist es wirklich schwierig eine authentische Position zu entwickeln. 



Wie positionierst du dich in diesen prä-apokalyptischen Zeiten?


Diese Frage schliesst an die erste Frage an, oder? Dass ich mich, wie am Anfang beschrieben, wieder anderen Dingen widme und mich auch kreativ in anderen Bereichen äussere, hat natürlich auch Einfluss auf meine künstlerische Arbeit. Meine politische und kulturelle Sozialisierung fand eher im subkulturellen Umfeld statt. Humor, Ironie und leichte Provokation sind Stilmittel, die mich immer sehr interessierten und in meiner Arbeit immer sichtbar waren. Ich denke aber, dass sie seit einiger Zeit offensichtlicher und dominanter werden. Humor ist etwas, das ich in der zeitgenössischen Kunst sehr vermisse. Ich weiss, ich generalisiere, Ausnahmen gibt es immer. Nichtsdestotrotz, nehmen zeitgenössische Künstler_innen sich und ihre Arbeit oft sehr ernst. Generell vermisse ich häufig eine im Werk klar erkennbare Haltung der Autor_in. Vieles, was ich sehe, ist mir zu unklar, zu subtil oder zu offen. Als wolle sich niemand festnageln lassen oder angreifbar machen. Ist ja auch irgendwo nachvollziehbar. Ich denke dennoch, dass Viele ihre Arbeit für deutlich politischer halten als sie eigentlich ist.

Nochmals zurück zum Humor. Ich habe die politische Karikatur wiederentdeckt und mir viele Drucke und Zeichnungen aus den 20er und 30er Jahren angeschaut. Das inspiriert mich sehr. Humor ist nicht einfach einzusetzen und kann auch sehr anstrengend sein. Ist mir sicher auch schon häufig passiert. Aber diese Gratwanderung interessiert mich in meiner Arbeit. Eine gewisse Direktheit ist mir wichtig. Nichts ist anstrengender als kryptische Kunst. Aber auch humorvolle Arbeiten können schnell plump und unangenehm pointiert daher kommen. Humor ist etwas sehr Demokratisches und schafft Zugänglichkeit. Das hilft, ein Publikum dazu zu motivieren, sich überhaupt einer Arbeit oder Ausstellung zu widmen.